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Evelina

von Evelina

Peggy Guggenheim: Ein Leben in der Kunst


Das Wichtigste in Kürze

  • Peggy Guggenheim wurde 1898 als US-amerikanische Erbin geboren. Ihr Leben war schon früh geprägt von Mythos so starb ihr Vater 1912 beim Untergang der Titanic.
  • In den 1920er geht sie nach Paris. Dort hat sie Kontakt zur Avantgarde, lernt unterschiedliche Künstler*innen kennen und Marcel Duchamp wird ihr wichtiger Mentor.
  • 1938 zieht sie nach London und eröffnet dort die Galerie Guggenheim Jeune. Unter dem Motto "one picture a day" beginnt dort ihre Tätigkeit als Sammlerin.
  • Während dem Krieg geht sie zurück nach New York und gründet Art of This Century, mit dem Ziel der Förderung junger Künstler wie Jackson Pollock, Wassiliy Kandinsky, Max Ernst, Joan Miró.
  • Ab 1949 lebt sie im  Palazzo Venier dei Leoni in Venedig. Dort findet sich auch heute die Peggy Guggenheim Collection – ihr Vermächtnis als bedeutende Förderin der modernen Kunst.

Ein Name im Schnittpunkt der Geschichte

Es gibt Menschen, deren Biografie wie ein Knotenpunkt wirkt, an dem sich die großen Erzählungen einer Epoche kreuzen. Peggy Guggenheim war so ein Mensch. Ihr Name berührt den Untergang der Titanic ebenso wie die Liebesgeschichten von Samuel Beckett, die Flucht der europäischen Avantgarde vor den Nationalsozialisten ebenso wie die Geburtsstunde des Abstrakten Expressionismus in New York. Ihr Leben erzählt zugleich ein Stück Weltgeschichte, gesehen durch die Augen einer Frau, die sich nie damit begnügte, nur Zuschauerin zu sein.


Herkunft als Bürde und Chance

Geboren wurde Marguerite Guggenheim 1898 in eine Familie, deren Name für amerikanischen Bergbaureichtum stand. Doch Reichtum bedeutete für die junge Peggy keineswegs Geborgenheit. Ihr Vater Benjamin gehörte zu den Passagieren der Titanic und starb 1912, als das Schiff sank. Berichten zufolge weigerte er sich, einen Rettungsplatz einzunehmen, zog stattdessen Abendgarderobe an und wollte, wie er gesagt haben soll, als Gentleman untergehen. Diese Geschichte, halb Legende, halb Tatsache, begleitete Peggy ihr Leben lang. Das Erbe, das ihr blieb, war beträchtlich, doch innerhalb der Familie galt sie lange als die unbedeutende Guggenheim. Die Sehnsucht nach Zugehörigkeit trieb sie, einen eigenen Weg zu suchen, einen, der nicht über ererbten Reichtum oder gesellschaftliches Ansehen, sondern über ihre Intuition durch das chaotische Milieu der europäischen Kunstszene führte.

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Paris, Bohème und ein Rat von Samuel Beckett

In den 1920er Jahren verließ sie New York und tauchte in das Paris der Bohème ein, jene Stadt, in der Ezra Pound, James Joyce und Man Ray Nachbarn waren und Kunst wie Luft zum Atmen gehörte. Sie heiratete den Künstler Laurence Vail und führte ein Leben, das ebenso frei wie turbulent war. Ihre Beziehungen waren häufig leidenschaftlich, kompliziert und nicht selten von gegenseitigen Verletzungen geprägt. Zu ihren Liebhabern zählte für kurze Zeit auch der junge Samuel Beckett. Er soll ihr geraten haben, sich nicht mit der Kunst der Vergangenheit, sondern mit der ihrer eigenen Zeit zu beschäftigen. Dieser eine Satz veränderte womöglich den Lauf der modernen Kunstgeschichte, denn Peggy nahm ihn wörtlich. Marcel Duchamp wurde zum wichtigsten Lehrmeister ihres Auges. Er brachte ihr bei, zwischen Kubismus und Surrealismus zu unterscheiden, führte sie in Ateliers und Debatten ein und half ihr, aus einer begeisterten Laien eine kenntnisreiche Sammlerin zu werden.


Ein Bild am Tag

1938 eröffnete Peggy Guggenheim in London ihre erste Galerie, Guggenheim Jeune. Wirtschaftlich war sie kein Erfolg, doch sie markierte den Beginn ihrer Laufbahn als Sammlerin, Galeristin und Förderin der Moderne. Sie veranstaltete dort über zwanzig Ausstellungen, darunter Wassily Kandinskys erste Einzelausstellung in London, eine monografische Ausstellung über Jean Cocteau, die erste Gruppenausstellung zum Thema Collage im Vereinigten Königreich sowie eine viel diskutierte Ausstellung zeitgenössischer Skulpturen. Darüber hinaus plante Guggenheim, in London das erste Museum für moderne Kunst zu gründen. Gemeinsam mit dem Kunstkritiker Herbert Read entwickelte sie eine Liste jener Künstler, deren Werke den Grundstock der Sammlung bilden sollten. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs scheiterte das Vorhaben jedoch. Peggy Guggenheim gab ihren Plan nicht auf. Statt ein Museum zu eröffnen, beschloss sie, die Werke selbst zu erwerben. Daraus entstand ihr berühmtes Motto: „Buy a picture a day.“

Julia Oleinicenko - Surrealistisches Gemälde

Der Surrealismus entstand in den 1920er-Jahren in Paris als avantgardistische Kunst- und Literaturbewegung. Die Surrealist*innen interessierten sich für das Unbewusste, Träume, Fantasien und irrationale Gedanken. Ziel war es, die Grenzen der rationalen Wahrnehmung zu überschreiten und eine Wirklichkeit sichtbar zu machen, die sich der Logik entzieht.

Maria Magdalena Ianchis - ONCE UPON A TIME THERE WAS LIFE, PERSPECTIVE, 2020/2021

Die Collage ist eine künstlerische Technik, bei der unterschiedliche Materialien, Bilder oder Fragmente zu einem neuen Gesamtbild zusammengefügt werden. Der Begriff stammt vom französischen coller („kleben“). Besonders wichtig wurde die Collage im 20. Jahrhundert mit den Dadaist*innen und Surrealist*innen.

Sammeln in Zeiten des Krieges

Der eigentliche dramatische Wendepunkt kam 1939. Während sich der Krieg über Europa legte und viele Sammler verkauften, flohen oder ihre Bestände versteckten, hielt Peggy Guggenheim an ihrem Entschluss fest, täglich ein Kunstwerk zu erwerben. Viele Künstler befanden sich bereits auf der Flucht oder lebten in existenzieller Unsicherheit, während ihre Arbeiten als moderne Kunst zunehmend ins Visier des NS-Regimes gerieten. Auch Peggy Guggenheim war als Jüdin gefährdet. Als die deutsche Besatzung Frankreichs näher rückte, floh sie in die Vereinigten Staaten. Zwischen Möbeln und Haushaltsgegenständen verborgen, gelangten mit ihr zahlreiche Werke der europäischen Avantgarde über den Atlantik und entgingen so ihrem ungewissen Schicksal im nationalsozialistischen Europa. Zugleich nutzte sie ihre Kontakte und finanzielle Mittel, um Künstlern wie André Breton und Max Ernst, den sie später heiratete, die Flucht aus Europa zu ermöglichen.


New York, Art of This Century und ein Handwerker aus Wyoming

1942 eröffnete Peggy Guggenheim in New York die Galerie Art of This Century, deren spektakuläre Innenarchitektur Frederick Kiesler entworfen hatte. Geschwungene Wände, ungewöhnliche Lichtinszenierungen und frei schwebend präsentierte Werke machten die Galerie selbst zu einem Kunstwerk und brachen mit den Konventionen des klassischen Ausstellungsraums. 
Dort zeigte sie bedeutende Vertreter der europäischen Avantgarde, darunter Werke von Künstlern wie Wassily Kandinsky, Paul Klee, Joan Miró und Max Ernst, und bot zugleich jungen amerikanischen Positionen eine Plattform. Zu den Künstlern, die sie förderte, gehörte Jackson Pollock, ein junger Künstler, der gelegentlich Reparaturen in ihrer Galerie erledigte. Sie nahm ihn unter Vertrag, unterstützte ihn mit einem monatlichen Stipendium und organisierte 1943 seine erste Einzelausstellung, die große Aufmerksamkeit erhielt und einen wichtigen Schritt in seiner späteren Karriere markierte.

Kritik als Ansporn

Nicht jeder in ihrem Umfeld nahm sie ernst. Als Peggy sich für Wassily Kandinsky einsetzte und ihrem Onkel Solomon dessen Werk näherbringen wollte, wandte sie sich an dessen Kunstberaterin und Vertraute Hilla Rebay. Die Antwort fiel vernichtend aus: Rebay bezeichnete Peggys Galerie und ihren Kunstgeschmack als mittelmäßig und sprach ihrem Urteilsvermögen jede Bedeutung ab. Statt sich entmutigen zu lassen, machte Peggy aus dieser Zurückweisung Antrieb. Herbert Read soll ihr daraufhin sogar geraten haben, den Brief einzurahmen und in ihrer Galerie aufzuhängen. Die Kunstgeschichte sollte Peggy schließlich recht geben und zeigen, dass es sich bisweilen lohnt, dem eigenen Urteil mehr zu vertrauen als den Stimmen etablierter Autoritäten.


Venedig

1949 zog Peggy Guggenheim schließlich nach Venedig, in den unvollendeten Palazzo Venier dei Leoni am Canal Grande, ein Haus ohne oberes Stockwerk, das zu ihrem Markenzeichen wurde. Dort lebte sie bis zu ihrem Tod 1979 mit ihrer Sammlung und ihren Hunden. Der Palazzo war zugleich Wohnhaus und Ausstellungsort. Besucher wurden nicht selten von Peggy selbst empfangen und durch die Räume geführt, in denen sie zwischen den Werken der Moderne lebte. Die Stadt, selbst ein Museum voller Vergangenheit, wurde so zur letzten Heimat einer Frau, die ihr Leben der Kunst ihrer Gegenwart und Zukunft gewidmet hatte.


Ein Vermächtnis, das weiterlebt

Heute ist der Palazzo Venier dei Leoni als Peggy Guggenheim Collection eines der meistbesuchten Museen Italiens. Was einst eine private Sammlung war, gehört heute zu den bedeutendsten Sammlungen der Kunst des 20. Jahrhunderts. Werke, die Peggy Guggenheim einst aus persönlicher Überzeugung erwarb, zählen heute zu den Ikonen der Moderne. Ihre Geschichte zeigt, dass große Sammlungen selten mit Gewissheiten beginnen. Sie entstehen durch Neugier, Vertrauen in das eigene Urteil und die Bereitschaft, neue künstlerische Positionen ernst zu nehmen, lange bevor sie allgemein anerkannt sind. Wer heute durch die Räume des Palazzo geht, begegnet deshalb nicht nur Meisterwerken, sondern auch den Entscheidungen einer Sammlerin, deren Blick die Kunstgeschichte nachhaltig geprägt hat.




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