von Evelina
Stand: 09.28.2026
Peggy Guggenheim: Ein Leben in der Kunst
Das Wichtigste in Kürze
- Peggy Guggenheim wurde 1898 als US-amerikanische Erbin geboren. Ihr Leben war schon früh geprägt von Mythos so starb ihr Vater 1912 beim Untergang der Titanic.
- In den 1920er geht sie nach Paris. Dort hat sie Kontakt zur Avantgarde, lernt unterschiedliche Künstler*innen kennen und Marcel Duchamp wird ihr wichtiger Mentor.
- 1938 zieht sie nach London und eröffnet dort die Galerie Guggenheim Jeune. Unter dem Motto "one picture a day" beginnt dort ihre Tätigkeit als Sammlerin.
- Während dem Krieg geht sie zurück nach New York und gründet Art of This Century, mit dem Ziel der Förderung junger Künstler wie Jackson Pollock, Wassiliy Kandinsky, Max Ernst, Joan Miró.
- Ab 1949 lebt sie im Palazzo Venier dei Leoni in Venedig. Dort findet sich auch heute die Peggy Guggenheim Collection – ihr Vermächtnis als bedeutende Förderin der modernen Kunst.
Ein Name im Schnittpunkt der Geschichte
Es gibt Menschen, deren Biografie wie ein Knotenpunkt wirkt, an dem sich die großen Erzählungen einer Epoche kreuzen. Peggy Guggenheim war so ein Mensch. Ihr Name berührt den Untergang der Titanic ebenso wie die Liebesgeschichten von Samuel Beckett, die Flucht der europäischen Avantgarde vor den Nationalsozialisten ebenso wie die Geburtsstunde des Abstrakten Expressionismus in New York. Ihr Leben erzählt zugleich ein Stück Weltgeschichte, gesehen durch die Augen einer Frau, die sich nie damit begnügte, nur Zuschauerin zu sein.
Herkunft als Bürde und Chance
Geboren wurde Marguerite Guggenheim 1898 in eine Familie, deren Name für amerikanischen Bergbaureichtum stand. Doch Reichtum bedeutete für die junge Peggy keineswegs Geborgenheit. Ihr Vater Benjamin gehörte zu den Passagieren der Titanic und starb 1912, als das Schiff sank. Berichten zufolge weigerte er sich, einen Rettungsplatz einzunehmen, zog stattdessen Abendgarderobe an und wollte, wie er gesagt haben soll, als Gentleman untergehen. Diese Geschichte, halb Legende, halb Tatsache, begleitete Peggy ihr Leben lang. Das Erbe, das ihr blieb, war beträchtlich, doch innerhalb der Familie galt sie lange als die unbedeutende Guggenheim. Die Sehnsucht nach Zugehörigkeit trieb sie, einen eigenen Weg zu suchen, einen, der nicht über ererbten Reichtum oder gesellschaftliches Ansehen, sondern über ihre Intuition durch das chaotische Milieu der europäischen Kunstszene führte.
Paris, Bohème und ein Rat von Samuel Beckett
In den 1920er Jahren verließ sie New York und tauchte in das Paris der Bohème ein, jene Stadt, in der Ezra Pound, James Joyce und Man Ray Nachbarn waren und Kunst wie Luft zum Atmen gehörte. Sie heiratete den Künstler Laurence Vail und führte ein Leben, das ebenso frei wie turbulent war. Ihre Beziehungen waren häufig leidenschaftlich, kompliziert und nicht selten von gegenseitigen Verletzungen geprägt. Zu ihren Liebhabern zählte für kurze Zeit auch der junge Samuel Beckett. Er soll ihr geraten haben, sich nicht mit der Kunst der Vergangenheit, sondern mit der ihrer eigenen Zeit zu beschäftigen. Dieser eine Satz veränderte womöglich den Lauf der modernen Kunstgeschichte, denn Peggy nahm ihn wörtlich. Marcel Duchamp wurde zum wichtigsten Lehrmeister ihres Auges. Er brachte ihr bei, zwischen Kubismus und Surrealismus zu unterscheiden, führte sie in Ateliers und Debatten ein und half ihr, aus einer begeisterten Laien eine kenntnisreiche Sammlerin zu werden.
Ein Bild am Tag
1938 eröffnete Peggy Guggenheim in London ihre erste Galerie, Guggenheim Jeune. Wirtschaftlich war sie kein Erfolg, doch sie markierte den Beginn ihrer Laufbahn als Sammlerin, Galeristin und Förderin der Moderne. Sie veranstaltete dort über zwanzig Ausstellungen, darunter Wassily Kandinskys erste Einzelausstellung in London, eine monografische Ausstellung über Jean Cocteau, die erste Gruppenausstellung zum Thema Collage im Vereinigten Königreich sowie eine viel diskutierte Ausstellung zeitgenössischer Skulpturen. Darüber hinaus plante Guggenheim, in London das erste Museum für moderne Kunst zu gründen. Gemeinsam mit dem Kunstkritiker Herbert Read entwickelte sie eine Liste jener Künstler, deren Werke den Grundstock der Sammlung bilden sollten. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs scheiterte das Vorhaben jedoch. Peggy Guggenheim gab ihren Plan nicht auf. Statt ein Museum zu eröffnen, beschloss sie, die Werke selbst zu erwerben. Daraus entstand ihr berühmtes Motto: „Buy a picture a day.“
Julia Oleinicenko - Surrealistisches Gemälde
Der Surrealismus entstand in den 1920er-Jahren in Paris als avantgardistische Kunst- und Literaturbewegung. Die Surrealist*innen interessierten sich für das Unbewusste, Träume, Fantasien und irrationale Gedanken. Ziel war es, die Grenzen der rationalen Wahrnehmung zu überschreiten und eine Wirklichkeit sichtbar zu machen, die sich der Logik entzieht.
Maria Magdalena Ianchis - ONCE UPON A TIME THERE WAS LIFE, PERSPECTIVE, 2020/2021
Die Collage ist eine künstlerische Technik, bei der unterschiedliche Materialien, Bilder oder Fragmente zu einem neuen Gesamtbild zusammengefügt werden. Der Begriff stammt vom französischen coller („kleben“). Besonders wichtig wurde die Collage im 20. Jahrhundert mit den Dadaist*innen und Surrealist*innen.
Sammeln in Zeiten des Krieges
New York, Art of This Century und ein Handwerker aus Wyoming
Kritik als Ansporn
Nicht jeder in ihrem Umfeld nahm sie ernst. Als Peggy sich für Wassily Kandinsky einsetzte und ihrem Onkel Solomon dessen Werk näherbringen wollte, wandte sie sich an dessen Kunstberaterin und Vertraute Hilla Rebay. Die Antwort fiel vernichtend aus: Rebay bezeichnete Peggys Galerie und ihren Kunstgeschmack als mittelmäßig und sprach ihrem Urteilsvermögen jede Bedeutung ab. Statt sich entmutigen zu lassen, machte Peggy aus dieser Zurückweisung Antrieb. Herbert Read soll ihr daraufhin sogar geraten haben, den Brief einzurahmen und in ihrer Galerie aufzuhängen. Die Kunstgeschichte sollte Peggy schließlich recht geben und zeigen, dass es sich bisweilen lohnt, dem eigenen Urteil mehr zu vertrauen als den Stimmen etablierter Autoritäten.
Venedig
Ein Vermächtnis, das weiterlebt
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