Matthea

von Matthea

Von Homer bis Hollywood – Die Wanderung der Odyssee durch die Kunstgeschichte

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Odyssee prägt die Kunstgeschichte seit der griechischen Vasenmalerei des 6. Jahrhunderts v. Chr. bis heute – von religiöser Allegorie im Mittelalter über das humanistische Vorbild der Renaissance bis zur Sinnbildfigur für Identität, Exil und Migration in der Moderne.
  • Du erfährst, wie sich die Deutung des Odysseus-Mythos über die Jahrhunderte gewandelt hat und warum er Kunst, Literatur und Film bis heute inspiriert.
  • Besonders spannend für alle, die sich für Mythologie in der bildenden Kunst und ihre kulturhistorische Entwicklung interessieren.
  • Am Ende des Beitrags findest du eine kuratierte Auswahl an Werken aus dem SKM-Kontingent, die den Mythos der Odyssee neu interpretieren.

Die Odyssee, das traditionell dem altgriechischen Dichter Homer zugeschriebene Epos, erzählt von der abenteuerlichen Rückkehr des Odysseus, die ihn nach dem Trojanischen Krieg über Jahre hinweg durch die Welt des Mythos zurück nach Ithaka führen soll. In mehr als 12.000 Versen schildert das Gedicht seine Irrfahrten, Begegnungen mit Göttern und Ungeheuern sowie die Sehnsucht nach der Heimat und den Versuch, nach dem Krieg in das eigene Leben zurückzufinden. Neben der Ilias, die von den Ereignissen um den Fall Trojas handelt, zählt die Odyssee zu den ältesten und einflussreichsten überlieferten Dichtungen des Abendlandes.


Eine Geschichte über Jahrtausende hinweg

Zunächst wurde die Odyssee mündlich überliefert. Ab dem 8. oder 7. Jahrhundert v. d. Z. trugen die aoidoi, die epischen Sänger des antiken Griechenlands, das Gedicht bei Festen und öffentlichen Feierlichkeiten als Gesang vor. Seine große Beliebtheit führte im 6. Jahrhundert v. d. Z. dazu, dass in Athen eine verbindliche schriftliche Fassung veranlasst wurde, um Abweichungen und Improvisationen zu begrenzen. Spätestens ab dem 4. Jahrhundert v. d. Z. diente die Odyssee der Bildung und schulischen Ausbildung; noch heute gehört sie in vielen Ländern zum Lehrplan.

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Wie jedes Jahrhundert seinen eigenen Odysseus malte

Ab dem 6. Jahrhundert v. Ch. begegnet uns der Stoff der Odyssee auch als visuelles Thema. Zunächst auf Vasen im schwarz- und rotfigurigen Stil der griechischen Vasenmalerei, später auch in Skulpturen und Reliefs, erscheinen einzelne Episoden des Epos als eindeutig erkennbare Bildmotive, wie etwa die Vorbeifahrt des Odysseus an den Sirenen. Im antiken Rom schmücken Fresken mit Szenen aus der Odyssee die Wände und Innenräume von Wohnhäusern und öffentlichen Gebäuden.

Die Christianisierung bringt einen Umbruch für die Deutung der Odyssee. Während sie in der Spätantike zunehmend allegorisch gelesen und als Sinnbild für die Gefahren und Irrwege des menschlichen Lebens verstanden wird, entwickelt sie sich im Mittelalter zu einer moralischen Erzählung, in der Odysseus’ List, seine Versuchungen und seine lange Reise häufig als Prüfungen auf dem Weg zwischen Sünde und Erlösung interpretiert werden. Diese Auseinandersetzung findet vor allem in der Literatur statt; besonders bekannt ist die Darstellung in Dantes Göttlicher Komödie aus dem 14. Jahrhundert. Die Renaissance markiert erneut eine Wendung: die Wiederentdeckung antiker Ideale positioniert die Figur des Odysseus als Sinnbild humanistischer Werte, menschlicher Vernunft und Widerstandskraft. In dieser Epoche erlebt die Odyssee eine Wiedergeburt, sie wird mehrfach gelesen, übersetzt, gesungen und gemalt.

Seit der Romantik des frühen 19. Jahrhunderts vollzieht sich ein weiterer Wandel. Entfernt vom Bild des idealisierten Helden rückt zunehmend die psychologisch-emotionale Erfahrung in den Mittelpunkt: Sehnsucht und Heimweh, Erinnerung und Verlust, Entfremdung und Identitätssuche. Im Symbolismus des späten 19. Jahrhunderts werden die Figuren und Episoden der Odyssee zunehmend als Sinnbilder innerer Konflikte und existenzieller Erfahrungen interpretiert. Besonders die Darstellungen des englischen Malers John William Waterhouse prägen bis heute das Bild der mythischen Erzählung.

Mit dem Einbruch der Moderne im 20. Jahrhundert und vor dem Hintergrund von Weltkriegen, gesellschaftlichen Umbrüchen und Erfahrungen von Entwurzelung verliert Odysseus allmählich die Rolle des idealisierten Helden und wird zur Figur des suchenden, wandernden und entfremdeten Menschen. Die Themen von Reise und Heimkehr werden nun mit Fragen nach Identität, Exil, Krieg, Migration und Herkunft verbunden. Die Odyssee wird zunehmend als ein Schwebezustand, ein Dazwischen, rezipiert: als die erdrückende Banalität des Alltags im Roman von James Joyce oder als eine Reise der menschlichen Spezies von ihren Ursprüngen bis zu ihrer möglichen Auslöschung in Stanley Kubricks kosmischen Filmabenteuer.

Schließlich brachten die gesellschaftlichen und geisteswissenschaftlichen Fortschritte der Jahrtausendwende weitere Anhaltspunkte des Mythos hervor. Im Zeichen der kulturellen Wende sowie gegenhegemoniale Narrative wurde letztlich die Odyssee aus ihrer traditionell eurozentrischen sowie patriarchalen Perspektive losgelöst. Sehr bekannt in diesem Kontext sind die Collage-Illustrationen des amerikanischen Künstlers und Aktivisten Romare Bearden aus den 70er Jahren, sowie die erste Übersetzung des Werkes von einer Frau, Emily Wilson, in 2017. Auch die sehnlich erwartete Neuverfilmung der Odyssee durch den legendären Regisseur Christopher Nolan im Jahr 2026 scheint aktuelle Aspekte kultureller Vielfalt aufzugreifen.


Warum der Mythos bis heute wirkt

Bei dieser kunstgeschichtlichen Übersicht wird vor allem eines deutlich: Der anhaltende Einfluss der Odyssee auf die westliche Kultur ist nicht allein auf die historische Einzigartigkeit der Figur oder gar der Geschichte des Odysseus zurückzuführen, sondern auf ihre zeitlose Allgegenwärtigkeit. Es ist eine Erzählung, die über Jahrtausende hinweg fortbesteht, weil sie von grundlegenden Konstanten menschlicher Erfahrung handelt: der Reise ins Ungewisse, der Suche nach Heimat und dem Willen zum Überleben. Die kulturelle und gesellschaftliche Relevanz der Odyssee liegt in ihrem Potenzial, immer wieder neue Fragestellungen aufzunehmen und unterschiedliche Interpretationsräume zu eröffnen. Genau darin liegt auch die besondere Kraft großer Kunst.


Odyssee und Mythos in der Sammlung des SKM

Als Abschluss eine kuratierte Wahl von Werken aus dem SKM kontingent, die mich persönlich an den Mythos, die Ereignisse oder die Emotionen der Odyssee erinnern:

Alexej Eisner - Kapriziöse Pferde – Kontrollverlust (2024, Osnabrück)

Die Odyssee beginnt mit Telemachos, dem Sohn des Odysseus, der auf Geheiß der Göttin Athene aufbricht, um nach seinem verschollenen Vater zu suchen. Die leuchtende Erscheinung von Wagen und Lenker unterstreicht für mich die göttliche Einmischung, während die schimmernde Morgenröte hinter den Bergen den Anbruch eines neuen Tages ankündigt, der sich langsam über die Landschaft legt.



Tom Peter - Tor (ohne Datum, Hamburg)

Eine unberührte Landschaft mit mediterranen Zypressen und antikisierenden Ruinen trifft auf ein loderndes, im Hain verstecktes, rotes Tor und erzeugt eine mysteriöse, fast heilige Atmosphäre, die an den Abstieg des Odysseus in die Unterwelt erinnert.



Elena Thüring - Odyssee n°1 (2025, Hamburg)

Heben sich hier die Seelen der Frauen aus der Unterwelt empor, um Odysseus zu begegnen und ihm Rat zu erteilen? Oder sind es vielmehr die Sirenen, die aus Nebel und Dunst nach den verlorenen Seefahrern greifen?





Michael Tauschke - Sterben des Zyklopen (2024, Dresden)

Ein einschlägiger Titel für ein Werk zwischen Traum und Abstraktion, Mythos und dem Heiligen. Die phantastische Dimension des Zyklopen als Fabelwesen durchbricht das rein Physische und vermittelt die Präsenz des Ungeheuers.





Tammy Pletsch - LEANING (blue edition) (2026, Bonn)

Im Land der Lotusfrüchte… Diese schmecken so verlockend und betörend, dass die Gefährten ihre Heimat, ihre Rückkehr und ihre Pflichten völlig vergessen, sich auflösen…






Soyoung Park - Schrank Serie #23 (2024, Dresden)

Auch wenn die Serie von der koreanischen Volksmalerei inspiriert ist, lässt sich die dunkle weibliche Figur im Seidengewand mit der Anspielung auf ein Tor für mich als Personifizierung der Kalypso lesen, die Odysseus aus Liebe sieben Jahre lang auf ihrer Insel gefangen hielt.









Charlotte Genser - Boatman Call (Ohne Datum, Leipzig)

Zum Schluss, das Schiff der Phaiaken begleitet Odysseus nach Ithaka…









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