Schweigende Sedimente
| Heigth | 100 cm |
|---|---|
| Width | 100 cm |
| Length/Depth | 2 cm |
Acryl auf Leinwand
Das vorliegende Werk entfaltet seine Wirkung aus einer bewussten Zurücknahme heraus. In einer hellen, nahezu entmaterialisierten Farbigkeit aus Weiß-, Grau- und zarten Beigetönen erscheint die Bildfläche zunächst ruhig, beinahe stillgestellt. Erst bei längerer Betrachtung offenbart sich die Komplexität des malerischen Prozesses, der diesem scheinbar homogenen Erscheinungsbild zugrunde liegt.
Die Farbe wurde in einem fließenden Verfahren aufgetragen: stark verdünnte, miteinander reagierende Farbschichten wurden über die horizontal ausgerichtete Leinwand gegossen und dem Einfluss der Schwerkraft überlassen. In diesem kontrollierten Loslassen entstehen vertikale Läufe, feine Schlieren und sanfte Verdichtungen, die den Bildraum strukturieren, ohne ihn festzuschreiben. Der malerische Akt ist dabei weniger ein Setzen als ein Geschehenlassen – ein Prozess, in dem Zufall und Entscheidung in ein fragiles Gleichgewicht treten.
Die Oberfläche zeigt Spuren des Trocknens, der Sedimentation und des langsamen Versickerns. Leichte Unregelmäßigkeiten, feine Übergänge und kaum wahrnehmbare Brüche durchziehen das Bild wie Erinnerungen an Bewegungen, die bereits vergangen sind. Nichts drängt sich in den Vordergrund; stattdessen entsteht eine offene Bildtiefe, die nicht illusionistisch, sondern atmosphärisch wirkt.
Inhaltlich bewegt sich das Werk im Spannungsfeld zwischen Präsenz und Abwesenheit. Die Reduktion der Farbigkeit und die Auflösung klarer Formen verweisen auf Zustände des Übergangs: zwischen Sichtbarkeit und Verschwinden, zwischen Materialität und Auflösung. Die vertikalen Spuren können als Niederschläge von Zeit gelesen werden – als visuelle Protokolle eines Prozesses, der nicht auf ein Bildmotiv zielt, sondern auf Erfahrung.
Das großformatige Quadrat verstärkt diese Wirkung. Es konfrontiert den Betrachter nicht mit einem Gegenstand, sondern mit einer Situation: einer stillen, konzentrierten Bildzone, die Raum für Projektion und kontemplative Wahrnehmung eröffnet. Das Werk fordert kein schnelles Lesen, sondern eine verlangsamte Betrachtung, in der sich Bedeutung nicht unmittelbar erschließt, sondern allmählich sedimentiert.
So wird das Bild zu einem Ort der Sammlung. Es verweigert sich narrativen Festlegungen und behauptet stattdessen eine poetische Offenheit, in der sich Wahrnehmung, Zeit und Material in einem leisen, aber nachhaltigen Dialog begegnen.
Konstantin Lischkoff-Knecht
Herr Knecht studierte 2012 bis 2020 Freie Kunst an der Akademie der Bildenden Künste München, bei Günther Förg und Jorinde Voigt.
Knecht nahm auch bei der Projektklasse Anne Imhof teil und stand in regem Austausch mit diversen Profesor*innen und Student*innen der Akademie.
Artist Statement
Meine künstlerische Reise ist tief verwurzelt im abstrakten Expressionismus, einem Stil, der sich durch spontane, emotionale und ungezügelte Ausdrucksformen auszeichnet. Die Werke von Pionieren wie Mark Rothko, Willem de Kooning, aber auch Künstler wie Cy Twombly und Georg Baselitz haben mein Verständnis und meine Wertschätzung für die rohe, unmittelbare Kraft der Farbe und Form maßgeblich geprägt.
In meinen Gemälden strebe ich danach, die Grenzen der visuellen Sprache auszuloten und die Emotionen und Gedanken, die mich bewegen, auf die Leinwand zu bringen. Der abstrakte Expressionismus bietet mir die Freiheit, mich jenseits der traditionellen Formen und Vorstellungen auszudrücken. Diese Stilrichtung erlaubt es mir, mit Farben, Texturen und Kompositionen zu experimentieren, um eine tiefe und oft intuitive Resonanz zu erzeugen.
Jede Leinwand ist für mich eine Schlachtbank, auf der ich mit inneren Konflikten, Gefühlen und Gedanken abrechne. Die Bewegung des Pinsels, das Fließen von Farbe und die groben Gesten spiegeln die Intensität und Spontaneität wider, die den Kern meiner Arbeit ausmachen. Der Faktor Zeit spielt bei der Entstehung eine ganz intime Rolle: Das Fließen der Farbe und das damit verbundene Entstehen des Bildes ist für mich ein Vergehen der unmittelbar verhandelten Zustände meines Innenlebens. Dieser Prozess wird der Betrachter*in letztlich unterschlagen – zu Gesicht bekommt die Betrachter*in lediglich das Urteil meines Prozesses. Durch diese ungefilterte künstlerische Ausdrucksweise strebe ich danach, die Betrachter*innen in eine Gefühls-Welt zu ziehen, die ebenso subjektiv und vielschichtig ist wie die menschliche Erfahrung selbst.
Der abstrakte Expressionismus hat mir nicht nur einen stilistischen Rahmen, sondern auch eine philosophische Grundlage gegeben. Er erinnert mich daran, dass Kunst nicht nur gesehen, sondern erlebt werden sollte – sie soll eine direkte und oft persönliche Verbindung zwischen dem Werk und dem Betrachter schaffen.
Ausstellungen (Auswahl):
2015 Polish Institute Platan / Latarka Gallery (Budapest)
2015 Salon Kennedy (Frankfurt)
2015 Kunstverein Wiesbaden (Wiesbaden)
2016 Katholische Akademie München (München)
2017 Lothringer 13 (München)
2017 Art Homes (München)
2018 Kunstarkaden (München)
2018 Haus 10 (Fürstenfeldbruck)
2023 Kunstarkaden (München)
2024 Kunstpavillon (München)